Von vergebenen Chancen

 

Was ist des Stürmers größte Fertigkeit? Es mag Leute geben die werden sagen es sei außerordentliche Technik, Kopfballstärke, Durchsetzungsfähigkeit im Strafraum, ein strammer Schuss, oder schlicht dort zu sein wo der Ball irgendwann hinkommen wird – den Raum deuten, wie Thomas sagen würde…also Müller. Natürlich sind dies alles exquisite Skills (um einmal im FIFA-Deutschen zu bleiben) und wurden im Laufe der Geschichte dieser sakralen Sportart von den verschiedensten Stürmern zu Torschussmaschinerien perfektioniert, machten sie gleichsam zu Schutzpatrone ihrer Thesen… Doch treffen sie, nach Ansicht des Erzählers, alle nicht den Kern.  

Die Stimmung war locker, wenig ließ erkennen welch verheerendes Loch die letzten Wochen in der Punktekasse des ASC geschlagen hatten. Vielleicht hätte man den Spielern fehlende Fokussierung vorwerfen können, so kurz vor einem solch wichtigen Spiel, oder sogar müssen, aber das tat niemand und so wurde weiter geflachst, bis die Mannschaft die Automobile belud und sich gen Süd-Westen auf ihre Odyssey begab.

In Grenznähe schließlich, auf einem Platz, wo nur die Maulwürfe Heimmannschaft sind, trafen der 1.FC. Oeding und der ASC Schöppingen aufeinander. Halbherzige Begrüßung beider Seiten, halbherzige Ansprache des Schiedsrichter („Ich spiel schnell mit den Karten“), Münzwurf, Anstoß und das (Schau)Spiel nahm seinen Lauf.

Der Ball wanderte von links nach rechts, Schöppingen stand gut, und wieder nach links, Schöppingen schob, und wieder nach Rechts, Schöppingen schob. Dann die ersten Vorstöße Oedingens, Zweikampf mit vollem Einsatz, der Ball sprang davon, aber ein Schöppinger war schon wieder da. Das Ganze nun anders herum: Oedingen musste schieben, Schöppingen machte es clever, spielte keine überhasteten Bälle und nutzt den Platz der ihnen gelassen wurde. Bei jedem Zweikampf setzten sie doppelt nach, kein Ball wurde ohne Kampf verloren gegeben. Immer wieder versuchten sie es mit langen Bällen in die Spitze, von denen jedoch nur wenige ankamen. Dann, ein vom Innenverteidiger geschlagener Ball durchschnitt den Himmel wie eine Sternschnuppe, fand den Fuß des Linksaußen, der zog in den Strafraum, ließ einen Gegenspieler aussteigen, Schuss und…der Torwart war dran und leitete ab zu Ecke. So schnell kann es gehen, Torchancen aus dem Nichts, aber auch für Oedingen, sodass, kurz vor der Halbzeit der Außenverteidiger des ASC aus Ermangelung an Anspielmöglichkeiten Doppelpass mit dem eigenen Torpfosten spielte.

Pause.

Der mangelnde Fokus unserer Helden, welcher hier zunächst so kritisch beäugt wurde, hatte sich als geniale Zerstreutheit entpuppt. Jeder zeigte vollen Einsatz, kein Ball wurde verloren gegeben, jeder gelaufene extra Meter verstärkte den Einsatz nur. Die zweite Hälfte sollte nun die Erlösung bringen.

Der ASC stand nun tiefer, vor allem weil Oedingen sich stärker auf lange Bälle verlegte, was jedoch Platz zum kontern ließ. Doch war es ein Eckball, der den Hinterkopf Frederic Zurholts in der dreiundsechzigsten Minute an der Kante zum Fünfmeterraum fand, von dort ins lange Eck flog, und den ASC zum ersten mal in dieser Saison in Führung brachte. Derer Jubel erstmal verhalten, ein Tor macht noch keinen Sieg, aber es motiviert ungemein und so spielte der ASC wie entfesselt weiter, kreiert sogleich die nächst Torchance. Der Ball im Doppelpass auf engstem Raum durch Oedingens Verteidigung gesteckt, perfekt in den Fuß des Sechsers. Er spürt den gewonnenen Freiraum, noch 9 Meter bis zur Torlinie, nur noch der Torwart, ganz mickrig im schier unendlichen Raum den er mit seinen zwei kleinen Händen beschützen soll. „Alea iacta est“, ein sicheres Ding, der Muss rein, das Tor kann ihm quasi keiner mehr nehmen; und während er dies denkt, seine Gedanken um die absolute unausweichliche Tatsache kreisen, dass er jetzt ein Tor schießen wird, trifft sein Fuß schon den Ball und schiebt ihn zielsicher neben den Pfosten. Kein Pfiff. Abschlag. Das Spiel ging weiter ohne Tor. Oedingen nun wie ausgewechselt, drückten und kämpften. Die Zweikämpfe wurden ruppiger. Halbherzige Ansagen des Schiedsrichters („Ich spiele schnell mit den Karten“). Aber Schöppingen hielt dagegen, sie wollten den Sieg, sie hatten ihn sich verdient! Die letzte Minute brach heran, nur noch wenige Minuten trennten sie von drei Punkten, da flog ein Ball der Oedinger in den Sechzehner, wurde Abgewehrt, landet wieder bei einem Oedinger, wurde noch einmal abgewehrt und landete bei Alexander Frericks und der drosch das Ding in die Maschen. 1:1. Abpfiff.

Ein Unentschieden wie eine Niederlage und die Frage: Was ist des Stürmers größte Fertigkeit? Zu wissen, dass es keine 100% gibt, solange der Ball nicht im Netz zappelt.