Von Glück und Schicksal

 

O Fortuna, du wechselhafte Gespielin! Stehet niemand in deiner Gunst, wenn das Rad sich dreht; ist des einen Glück des anderen Leid. Ruhm und Schmach zerrinnen zwischen deinen Fingern im Stundenglas der Zeit. Wie übel spieltest du selbst den größten Heroen mit, hing ihr Schicksal doch an deinem Münzwurf? Lohnen tust du einzig die Beharrlichkeit und so kam für sie alle ihre Stunde…

                                  -Gebet eines Unbekannten an den Fußballgott-

Einer der größten Philosophen unsere Zeit lehrte einst, in aphoristischer Kürze, die Weisheit: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“. Wie viel Wahrheit diese Worte von Andi Brehme enthalten mag sich dem Außenstehenden womöglich nicht sofort erschließen, dem Connaisseur des gepflegten Wochenendkicks hingegen vermag sich hier das Kondensat einer ganzen Welt zu offenbaren. Manchmal fehlt eben das letzte Fünkchen Glück, der letzte Windhauch, das letzte Loch im Rasen, die letzte Entschlossenheit zum Sieg und das lässt sich dann eben nicht einfach ändern. In solchen Fällen braucht es Beharrlichkeit und vor allem Stoßgebete, um das Glück zu beschwören, braucht es Spiele wie dieses, um Fortunas Rad zu drehen.

Stille, ein leises Flüstern im Herbstwind, ein Blick zum grauen Himmel, dann der Pfiff. Schöppingen direkt hoch stehenden, starkes Pressing, Gescher überfordert. Die ersten Minuten verliefen zerfahren, aber über Außen bekamen die Grün-Weißen Platz und Raum, als hätte man in Gescher mehr als genug davon. Die Gescheraner Strafraumgrenze nur einen Doppelpass und eine Körpertäuschung entfernt, doch dann fehlte die Konzentration, so kam es in den ersten Minuten nur zu ungefährlichen Torchancen. In den Zweikämpfen hingegen ließen unsere Helden spüren, dass sie in den letzten Wochen genug hatten hinnehmen müssen. Um jeden Ball wurde mit Körper, Arsch und Hirn gekämpft, bis er wieder in den eigenen Reihen zirkulierte. In der elften Minute dann wieder ein hohes Pressing, Marco Vennes wusste nicht wohin mit dem Ball, spielte grob Richtung Torwart, sehr grob, zu grob, eher grob Richtung Grundlinie, der Ball rollte langsam am Torwart vorbei, krepierte beinahe auf dem Weg, hechelte grade noch so über die Ziellinie. 1:0; das erste Eigentor in dieser Partie, es sollte nicht das letzte bleiben.

Gescher in der Folge unter Druck, bekam keine einzige Torchance, doch dann kam es zum Eckball. Schon in der letzten Woche hatten diese dem ASC das Genick gebrochen und auch dieses mal konnten sie ihn nicht verteidigen. Maurice Thiery schraubte sich in die Höhe und köpfte mit Wucht ins Eck. Für Schöppingen überraschend und schmerzhaft: 1:1.

Es bestätigte sich, was schon die letzten Spiele zeigten: Nur der ASC kann den ASC schlagen. Nur wenige Minuten später hatten sie die Chance zur erneuten Führung; der Ball kam von rechts halbhoch in den Strafraum, hat bereits Verteidiger und Torwart passiert, nur noch Daniel Rahms da, um ihn abzunehmen, hechtete zum Flugkopfball… und versemmelte das Ding. Keine zwei Minuten später vertändelte Schöppingen hinten links den Ball ohne Not, Gescher nahm ihn ihnen dankend ab, ging Richtung Grundlinie, spielte in die Mitte und Benne van Goer verwandelte beim Versuch zu klären. 1:2.

Auch die letzte Doppelt-und-Dreifach-Großchance vor der Halbzeit landete letzten Endes an der Latte und so ging es mit unglücklichem Rückstand für unsere Helden in die Halbzeit. Nach der Pause nahm der Irrsinn seinen Lauf.

Es begann mit einer gelben Karte für Sivar Bakhitar Osman, ob diese überhaupt gerechtfertigt war, oder ob es nicht vielleicht sogar Rot hätte geben müssen, soll hier nicht erörtert werden, da der Chronist nur Vermutungen anstellen könnte, und ist auch nicht von Belangen, wichtig ist einzig, dass es diese Karte gab.

Darauf kam die Zeit des Daniel Rahms. Innerhalb von zwei Minuten erzielte er den Ausgleich und die Führung unserer Recken. Auch darüber weshalb er nun, anders als in der ersten Hälfte, so unbeirrbar traf kann nur gemutmaßt werden, man munkelt jedoch es läge daran, dass er sich darauf besann, die in feinstes Leder aus dem Schuhhause Rahms gehüllten Füße, statt des Kopfes, zu verwenden, wo sich der Ball nicht mindestens einen Meter über dem Boden befand. Doch auch ein genialer Lupfer von Jens Lindhaus über die Abwehr, der seinem zweiten Tor voraus ging, soll hier nicht verschwiegen werden und trug sicherlich seinen Teil bei.

Jetzt sah alles nach Sieg aus. Gescher hatte sich komplett aus dem Spiel zurück gezogen und ließ Schöppingen mit dem Ball machen was sie wollten. Da kam es zu einem ruppig geführten Zweikampf an der Mittellinie, der Schiedsrichter pfiff ab und gab Freistoß für Gescher, Bakhitar Osman aber knallt den Ball in Richtung Grundlinie, nachdem sich alle bereits zur Ausführung aufstellten. Das muss Gelb geben und leider auch Gelb-Rot. Sehenden Auges war Schöppingen in die Unterzahl gerannt.

Sie setzten nun alles daran ihre Führung über die Zeit zu retten, aber Gescher bäumte sich noch einmal auf, attackierte wieder mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Angriff um Angriff trieb die Grün-Weißen immer tiefer zurück in ihre Hälfte, Angriff um Angriff wehrten sie ab, doch der Ausgleich fiel schließlich dennoch zehn Minuten vor Schluss durch David Vierhaus.

Ihre Chance in Unterzahl noch zu gewinnen war gegen null gesunken, das Spiel versandete in beiden Richtungen im Mittelfeld. Nur noch die Nachspielzeit war zu überbrücken, dann hätten sie wenigstens einen Punkt geholt. Ein Pfiff, irgendwo an der Mittellinie gab es Freistoß für Schöppingen. Stille, die Zeit schien zu ruhen, 21 Mann tummelten sich im Gescheraner Strafraum. Der Ball segelte durch die Luft., der Wind spielte in den schwankenden Ästen der Bäume das „Carmina Burana“, die Zuschauer hoben, wie antike Priester, an zum Chroral: „O, Fortuna!“. Der Ball senkte sich nieder, die Streicher spielten wie besessen, der Torwart fasste am Ball vorbei. „ Fortuna rota volvitur“ klang es über den Platz, Sebastian Schulte hob in letzter Verzweiflung das Bein hinter seinen Rücken – ein Paukenschlag und tatsächlich drehte sich des Schicksals Rad – von seiner Hacke tropfte der Ball ins Tor. Das dritte Eigentor: 4:3.

Aus.

Mit solche Spielen bricht man Flüche. Mit solchen Spielen entledigt man sich der Scheiße am Fuß. Im Drama nennt man so etwas die „Peripetie“, wie jeder Deutschschüler nur zu leidlich weiß, den Wendepunkt. Es ist also klar was in den nächsten Wochen passieren muss.