Von der Freude am Fußball

In Alstätte sollte es gegen den Drittplatzierten gehen, auf einem Platz gegen den die „Schöppinger Hühnerwiese“ wie englischer Rasen wirkt. Unsere Helden scherzten und lachten bereits beim Treffen in Schöppingen und flachsten auch in der Kabine noch und bis zum Abend sollte sich nichts daran ändern. Den Tabellenkeller hatten sie fürs erste hinter sich gelassen und die Last des Abstiegskampf raubte ihnen nicht mehr Schlaf und Atem. Diese Ausgelassenheit hatten sie sich hart erkämpfen müssen und sich nach einer Siegesserie ohnegleichen redlich verdient. So gingen sie zwar nicht mit breiter Brust, aber doch mit breitem Grinsen in die Partie.

 

Hatte Trainer Robin Pieper vor dem Spiel noch gefürchtete die Ausgelassenheit seiner Spieler könnte zu Nachlässigkeit verkommen, musste sich diese Befürchtung nach Anpfiff als Trugschluss herausstellen. Schöppingen war von Anfang an konzentriert, schob diszipliniert gegen den Ball und zelebrierte jeden Ballgewinn, denn, so zeigten sie im Ballbesitz, sie hatten einfach Bock auf Fußballspielen! Keine Angst vor der Niederlage, kein Gedanke an das Was-wäre-wenn, nur der Fußball, nur das Team und der Moment. Diesen zu zelebrieren, auszukosten, mit der reinen kindlichen Freude am Bolzen und so das Leben zu feiern im Ganzen, in all seinen Facetten, dafür waren sie heute hier.

Immer wieder kombinierten sie sich durch die Alstätter Reihen, wie ein Virtuose auf dem Flippertisch. Dann stachen sie wieder über die Seiten zu, präziser Schnittstellenpass vom Chirurgen, Sprint über Außen, Torchance. Dann eine simple Ecke, minimalistisch effektiv. Nur an Torgefahr mangelte es etwas zu sehr. Erst vergab Philipp Große Daldrup zwei hundert Prozentige im Blickduell mit dem Keeper, dann konnte Stephan Heying sich nicht zwischen Querpass und Reinschieben entscheiden. Doch sie wussten: Chancen kamen im Minutentakt und irgendwann würden sie reingehen.

Hinten standen sie gut, kämpften um jeden Ball, ließen nichts zu. Bis in die 30. Minute. Unnötiger Ballverlust im Mittelfeld, ein plötzlicher Pass um die Abwehr auszuhebeln, ein abgeklärter Blick und ein Schuss, bis der Ball im Netz zitterte. 1:0 für Alstätte und es zeichnete sich ab, was das Spiel schließlich entscheiden sollte: Schöppingen braucht zehn Chancen für ein Tor, Alstätte nur eine halbe.

Dennoch ließen sich unsere Jungs nicht unterkriegen. Innerhalb von Sekunden hatten sie das Tor abgeschüttelt und spielten weiter wie zuvor. Wie zuvor? Ja, wie zuvor! Mit Leidenschaft und Freude, dann ein präziser Schnittstellenpass vom Chirurgen, Sprint über Außen von Große Daldrup, Torchance,  Tor. 1:1 in der 37. Minute, Große Daldrups fünfter Saisontreffer. Nun konnte der ASC in der Halbzeit den Masterplan austüfteln, um den verdienten Sieg nach Haus zu holen.

Doch nach der Halbzeitpause lief es nicht sofort wieder rund. Es fiel Schöppingen schwer die Ordnung zu halten und effektiv zu pressen. In der Folge standen sie die erste viertel Stunde durchgehend unter Druck. In diesen 15 Minuten Passivität schoss Alstätte zwei Tore, mit zwei Chancen, mit zwei Sonntagsschüssen. Erst dieser Stich katapultierte den ASC vollkommen zurück auf den Platz. Ohne Hast nahmen sie wieder ihr Spiel auf. 30 Minuten noch, das reicht für 10 Tore!

Immer wieder kam Schöppingen nun vor das gegnerische Tor, auch wenn die Hochprozentigen sich, anders als an Samstagabenden, nicht mehr so recht einstellen wollten. Dann kamen sie über links, wuselten sich in den Sechzehner, ein Alstätter fällt im Zweikampf und schlägt den Ball schon auf dem Boden liegend mit den Händen weiter. Der ASC reklamiert, aber Handspiel ist erst, wenn der Schiri pfeift. Also weiter mit dem Ball im Gewusel. Ein Alstätter springt mitten rein, trifft Freund und Feind, wieder reklamiert Schöppingen…. Da ertönt der Pfiff und der Schiedsrichter zeigt auf den Elfmeterpunkt! Ob er nun Handspiel oder Foul gepfiffen hat, das kann niemand genau sagen, vermutlich nicht einmal er selbst. Im Endeffekt ist das aber auch vollkommen schnurz-piep-egal, denn Elfer ist Elfer und das beflügelt die Hoffnungen. Pieper trat bestimmten Schrittes in den Sechzehner, nahm sich den Ball, und legte ihn auf den Elfmeterpunkt. Die Stirn in Falten hob er den Blick in dem kurz die Mittagssonne aufblitze, bevor ein grimmer Schatten sie verdeckte. Ein, zwei, drei Schritte zurück. Ausatmen, einatmen. Anlaufen, den Rechten Fuß neben den Ball und gezielt ins Eck…doch da geht der Ball nicht hin, sondern links halb hoch und da ist auch der Torwart! Für einen kurzen Moment ließen alle Schöppinger die Köpfe hängen. Fast könnte man meinen sie verlören den Mut, besonders Piepers Kopf hing tief.

Doch nicht so an diesem Tag! Nicht unsere Helden! Ein paar aufmunternde Worte und gleich darauf ging es noch kraftvoller weiter als bisher. Dieser verschossene Elfmeter zündete den Endspurt. Schon in der 68 Minute holten sie nach, was Pieper nicht gelungen war. Eine Ecke von Rechts, irgendwer kam in der Mitte dran. Abgewehrt. Dann Stephan Heying genau dort,,wo ein Stürmer zu stehen hat, locht das Ding ein. 3:2 und noch gute 20 Minuten zu spielen.

Nach diesem Anschlusstreffer wurde das Spiel wild. Mit unbändigem Willen warf sich der ASC immer wieder in den Angriff. Langsam wurden die Beine müde, doch nicht ihr Mut und die Sehnsucht war groß. Die Kombinationen mögen nicht mehr so ästhetisch gewesen sein wie noch in der ersten Halbzeit, doch nahm das Spiel die brachiale Schönheit des Kampfes zweier Tiere an, die mit Horn und Geweih ihr Kraft erproben. Bis zum letzten Atemzug.

Schließlich kam doch der Pfiff und die Ernüchterung. Doch neben der Niederlag hinterließ noch Teilzeit-Dummkopf Vincent Kortüm einen faden Beigeschmack und eine herbe Kerbe in der Reputation des ASC, als er sich nach dem Abpfiff den Spielball griff und aus Frust in die Wallamucken Schoß. Aber naja, so ist das nunmal mit den Blagen. Manchmal hat man einfach so’ne Krawatte und trotzdem muss man sie irgendwie lieb haben, nicht nur trotz, sondern vielleicht auch wegen ihres Schabernacks.

Und auch wenn sie des Abends im Schein des Mondes in ihren Betten lagen und vergebene Chancen und den so greifbaren Sieg vor ihren Augen dahin in die Nacht ziehen sahen, so änderte dies nichts daran, dass dies wohl ihr bisher bestes Saisonspiel gewesen war und, dass sie gegeben hatten, was sie geben konnten, und das alles ist was zählt. Denn der Gewinner war am Ende der Fußball und alle Jene, die  ihn an diesem Sonntag zelebrierten.