Vom letzten Kapitel

Es war der Tag der Europawahl und ein ganzer Kontinent fieberte mit. Währenddessen fieberte die ganze Welt in Anbetracht der in erster Linie welthistorischen (sowie in zweiter weltliterarischen) Ausmaße der letzten Etappe, die unsere Recken auf ihrer Heldenreise an diesem Schicksalstag zurück zulegen hatten.

 

Wie es das Schicksal in Gestalt des Staffelleiters so wollte sollte dieses letzte Kapitel in Ahle, im Kampf gegen ihren zukünftigen Trainer Tobias Haverkock, geschrieben werden. Natürlich sollte es auch das vorläufige „la grande Finale“ in den Karrieren von Taktikgenie Daniel Rahms und Trainerfuchs Jens Walbersmann vor deren scheiden als die Männer hinter dem Erfolg werden. Letzterer hatte gar zur Feier des Tages noch einmal die Schuhe vom Nagel genommen, entstaubte und gewichst, um noch ein letztes Comeback mit Hacke-Spitze-Eins-Zwei-Drei zu zelebrieren.

Die Sonne schien seicht auf tief grünen Rasen, in der Luft lastete das Gewicht eines zukünftigen Gewitters und hinter dem kleinen von Bäumen gesäumten Sportgelände erstreckten sich Felder wie gold-braune Ozeane bis unter den Himmel. Im Gegensatz zum Wetter war die Stimmung in der Kabine nicht drückend, sondern luftig leicht, was in Anbetracht des in Aussicht stehenden feucht fröhlichen Saisonabschlusses und des ziemlich gefestigten zehnten Platzes wohl kaum einen Kenner der Kreisliga stutzig machen sollte.

Das Spiel begann rasant für den ASC, der sich gleich in den ersten fünf Minuten mehrere Chancen über Außen erspielte, da Philipp Große Daldrup und Nikolas Wewers einen höheren „Pace“ Wert besaßen – wenn man es mal im wissenschaftlich anerkannten FIFA Fachterminus benennen will – als die Ahler Verteidigung. Doch alle Chancen endeten als Schuss in den Ofen, wenn die Bälle übers Tor flogen und mit einem kleinen Blinken in der Unendlichkeit des Himmels verschwanden wie Team Rocket („Miauz Genau!“).

Nach erstem Verebben ihrer Angriffsflut musste sich die Defensive des ASC auf sich allein gestellt beweisen, da es dem defensiven Mittelfeld nicht gelang die Mitte dicht zu halten. Doch Martin Dirks gelang es am linken Eck des Sechzehnmeterraums in diesen Einzudringen und aus spitzem Winkel den Ball ins Tor zu schießen. In der siebten Minute stand es bereits 1:0 für Ahle, nach deren erster Torchance.

Der ASC ließ sich davon nicht beeindrucken und spielte weiterhin mutig nach Vorn, doch wie zuvor gelang es ihnen nicht den Ball über die Linie zu befördern, während sie das defensive Mittelfeld noch immer nicht dicht bekamen – man könnte sagen es war geradezu nüchtern – und so wieder und wieder potenziell gefährlichen Kontern ausgeliefert waren, welche sie jedoch stets im letzten Moment unterbinden konnten. Bis zu diesem Zeitpunkt war es ein ausgeglichenes Spiel, was einzig der Spielstand wiederzugeben sich weigerte. Dann nach einem eigenen Einwurf im linken Mittelfeld verlor der ASC den Ball, innerhalb von zwei Kontakten war er bei Tobias Schücker am Sechzehnmeterraum angelangt, der Dirks‘ Aktion perfekt kopierte und so das 2:0 für Ahle in der 25. Minute erzielte.

Der Rückstand auf zwei Zähler nahm dem ASC den Wind aus den Segeln und spätestens nach der Halbzeitpause trabten sie träge durch die drückende Luft bis Schücker mit Tor zwei und drei, die hier wirklich keiner Ausufernden Beschreibung bedürfen, sein Hattrick schnürte und so das 4:0 in der 55. Minute perfekt und den Sack zu machte.

Sack zu Mannschaft tot. Also alle gelaufen, so sagt es das Sprichwort. Doch der Fußball wäre nicht der Fußball, wenn er sich in wenigen Sprichwörtern und Phrasen zusammenfassen ließe! Anstatt nun in vollkommene Lethargie zu verfallen, drehte der ASC langsam Stufe für Stufe den Bass auf bis der ab der 63. Minute durch das 4:1 von Frederick Zurholt auf einer Skala von 1 bis 10 mindestens auf 11 gedreht wurde. Und dann gings ab…

Fünf Minuten später langer Ball in die Spitze auf Zurholt. Der nimmt an und tankt sich in den Sechzehner, Dann ein Schubser. Schöppingen reklamiert, Ahle resigniert. Pfiiff vom Schiri: Elfmeter. Daniel Rahms nimmt sich den Ball, weil der vereidigte Elfmeterbeauftragte Robin Pieper verletzungsbedingt bereits ausgewechselt worden war und gegen Alstätte eh alle Ansprüche auf weitere Elfmeter verpulvert hatte. Rahms läuft an, das Los für seinen achten Saisontreffer und das 4:2 vor seinen Füßen, nun muss er es nur noch einlösen. Langer Schritt, das Bein zieht weit durch und schiebt den Ball in die linke untere Ecke! Doch da ist auch die Hand von Keeper Andre Leusing und so bleibt es vorerst beim 4:1.

Vorerst? Ja, Vorerst! Denn der ASC ballerte weiter, immer nach vorn. Nun auch mit Jonas Bastos, der über Außen noch mehr neuen Schwung reinbrachte. Also wie zu Beginn viel über Außen, der Ball segelt durch die Mitte von rechts nach links, ungefährlich durch den Sechzehner, wird da aber wieder angenommen, noch mal nach hinten, wieder nach vorn auf Lukas Enning. Der bewegt sich in den Sechzehner, lässt einen Gegenspieler stehen passt in Richtung des ersten Pfosten, da wartet bereits David Wöstmann, nimmt den Ball mit rechts an könnte mit links aus zwei Metern aufs Tor schießen, doch der Winkel ist zu spitz, der Torwart zu flächig; kleine Drehung nach links, Tor und Torwart nun im Rücken: alle Chance dahin? Hacke! Tor! Ein ungläubiges „Habt ihr das Gesehen?!“ schallt als Torjubel über den Platz. Und ja, sie hatten es gesehen, wobei die Meinungen auseinander gehen ob der Torwart nun getunnelt worden war, oder ob der Ball über den Torwart sprang, der zum Verhindern eines Tunnels mit breiten Beinen zu Boden sank. Ist im Endeffekt aber auch scheiß egal, geiles Tor ist geiles Tor und das war so geil, das hatte er sich nicht nur die Saison, sondern seine ganze bisherige Karriere über aufgespart. Vielleicht sollte auch er den Rücktritt in Erwägung ziehen, man soll schließlich aufhören, wenn‘s am schönsten ist.

Nach diesem Prachtexemplar von einem Tor glaubte man wieder an ein mögliches Unentschieden und ballerte weiter, immer weiter. Um dem schöppinger Spiel nun auch noch etwas Zauber zu verpassen kam endlich Jens Walbersmann aufs Feld. Wie vorchoreographiert tanzte Walbersmann mit dem Ball über den Platz, ohne dass Ahle auch nur die geringste Chance gehabt hätte die beiden ungleichen Partner zu trennen.

Schöppingen nun wieder mit Chance um Chance. In der 87. Minute kommt der Ball in den Sechzehner und wieder raus und wieder rein, springt in heillosem Gewusel umher, bis er vor Wöstmann landet. Der nimmt an und schiebt kurzentschlossen mit dem linken Fuß zwischen zwei Gegenspielern hindurch ins linke untere Eck. So unspektakulär so effektiv, denn 4:3 stand es trotzdem.

Die letzten Minuten liefen und Schöppingen nun erdrückender als die Schwüle. Walbersmann immer noch im ¾ Tackt am Pirouetten drehen. Unschlagbar… außer durch sich selbst.  Während er einen weiteren Gegner im Halbfeld aussteigen ließ machte er einen falschen Tritt und sank ohne jegliche Fremdeinwirkung wie erschossen zu Boden. Das war die letzte nennenswerte Situation des Spieles. Das 4:4 konnte nicht mehr erzielt werden, doch die Niederlage wog leicht im Gegensatz zu Walbersmanns Verletzung, die sich einige Tage nach Spiel als Kreuzbandriss herausstellte.  Die Beileidsbekundungen der Fans auf den Social-Media Kanäle des Vereins waren und sind unglaublich, der Verein steht hinter ihm.

Das war es also das letzte Saisonspiel, eine Reise fand ihren Abschluss. Für Rahms und Walbersmann nicht nur die Saison, sondern ihre gesamte Karriere. Die internationale Fanszene ist sich darüber einig, dass sie sie als Legenden beenden und dies mit ihrem letzten Spiel noch ein letztes Mal unter Beweis stellten. Ein Abschied emotionaler, größer und wichtiger für den deutschen Fußball als der von Robbery.

Nachdem sich unsere Helden in Ahle eine erste Kiste erfrischender Brausen gegönnt hatten, ging es zurück in die Heimat, um die Saison dort mit Freibier – bekanntermaßen das beste Bier – und mit von Hauptbrandmeister Joscha Kemper höchstselbst im Hause Sasse destilliertem Schnaps ausklingen zu lassen. Sie saßen am Sportplatz beisammen und die Stunden zogen ins Land. Die Sonne färbte den Horizont erst rosa, dann rot und schließlich lila, bis eine Sternenklare Nacht sich über das Vechtestadion senkte. Einer nach dem anderen verabschiedete sich, die Gruppe schrumpfte, bis auch die letzten sich erhoben, das Tor schlossen und ihres Weges nach Hause gingen.

Und auch, wenn die Sonne unter und wieder auf gegangen war und dies seit dem viele Male tat, so enden manche Sommerabende nie und man trägt sie bei sich ein Leben lang.